Mittwoch, 4. Mai 2011

"Ruhe nirgends" von William Gay -Gastrezension-

Anne von Es wird gelesen . . . hat mir gerade geschrieben, dass sie mit dem oben genannten Buch nun fertig ist, und hat mir gleich mal ihre Rezension dazu mitgeschickt, die ich natürlich auf keinen Fall vorenthalten möchte. Ihr erinnert euch evtl. noch, dass ich dieses Buch abgebrochen hatte und es gegen eine Gastrezension weggegeben habe. Also. . . los gehts.

344 Seiten
ISBN 9783716026359
Arche-Verlag
Preis: 19,90€
gebund. Ausgabe




Seit einigen Monaten stricke ich mehr oder weniger regelmäßig,
vorzugsweise sind es Babysöckchen, Wichtelmützchen, oder Ähnliches, da
momentan so viele meiner Bekannten Kinder bekommen. Zwischendurch
strickte ich mir auch selbst eine Mütze, nachdem ich meine alte nach
einem Feierabendbierchen zu viel in einer Kneipe vergessen hatte. Warum
erzähle ich euch das? Nun, essentielles Werkzeug beim Stricken ist ja,
nebst Stricknadeln, das Garn. Da gibt es unzählige Varianten und Farben,
doch eines haben sie gemeinsam: Wenn man das Garn in einem geringen
Abstand mit beiden Händen hält und die Hände dann zueinander führt,
zeigt der Faden, dass er aus mehreren Einzelfäden besteht. Das macht das
Stricken nicht immer ganz einfach, wenn sich einer dieser Einzelstränge
mal wieder in der falschen Masche verliert.
Ein bisschen ist William Gays Roman "Ruhe nirgends" wie mein Strickgarn.
Prinzipiell habe ich einen Faden - bei Büchern nennt man ihn ja gern den
roten - aber wenn ich nicht genau aufpasse, dann dröselt er sich in
seine Einzelfäden auf und ich habe ein ganzes Stück Arbeit, diese wieder
zu einem Faden zusammenzuzwirbeln, und einzelne Fäden nicht in die
falsche Masche einzustricken, wodurch das Gesamtmuster einen kleinen
Fehler bekäme... Und noch eine Herausforderung bietet dieser Roman: Er
besteht aus zwei Büchern (nennen wir sie Über-Kapitel), die prinzipiell
in einem "Rutsch" die Geschichte des Romans erzählen, doch etwas ist
anders im ersten Teil. Kennt ihr das, wenn ihr zwei Gegenstände vor euch
seht, aber euren Blick nur auf einen davon scharf stellen könnt?
Irgendwie las sich der erste Teil dieses Romans so, als ob ich
Gegenstand A fixiere, aber das eigentlich wichtige Gegenstand B ist, den
ich jedoch nur im Augenwinkel wahrnehme und in seinen Umrissen erkenne...

Doch das war eine lange Vorrede, ohne etwas zum Inhalt zu sagen: Worum
geht es überhaupt? Im Jahr 1933 erschießt der Farmer Hardin seinen
Nachbarn Winer. Und das aus einem ganz banalen Grund: Winer ist dahinter
gekommen, dass Hardin illegal Schnaps brennt. Natürlich macht er das
nicht auf seinem eigenen Besitz, sondern legt verschiedene Destillen auf
den Grundstücken seiner Nachbarn an - dazu gehört auch Winer, der ihm
jedoch auf die Schliche kommt und ihn zur Rede stellen will, was tödlich
für ihn ausgeht. Hardin versenkt seine Leiche kurzerhand in einem
ungenutzten Brunnen, der so tief ist, dass der Aufprall der Leiche am
Boden schon gar nicht mehr zu hören ist.
Zehn Jahre später geht die Handlung weiter. Winers Sohn ist mittlerweile
alt genug, für sich und seine Mutter finanziell aufzukommen. Er verdingt
seine Arbeitskraft über allerlei Hilfsarbeiten. Und schließlich wird er
bei Hardin angestellt, der mittlerweile nicht nur so erfolgreich seinen
Whiskey verkauft, dass er eine eigene Spelunke errichten will, sondern
sich mittlerweile mit dem ortsansässigen Hilfs-Sheriff so gut gestellt
hat, dass ihm ob seiner kriminellen Machenschaften niemand an den Karren
fahren kann. Überhaupt verbreitet Hardin Angst und Schrecken im Ort.

"Hardin lebte in einer Welt, die er Tag für Tag manipulierte, man konnte
nie wissen, wann sich eine Information als nützlich erweisen würde. Das
Leben war ein Puzzle, das jemand am Tag von Hardins Geburt
auseinandergetreten hatte, und er selbst setzte die Teile jetzt immer
noch Stück für Stück zusammen und hielt jedes einzelne hierhin und
dorthin, um zu sehen, wo es passte."
(Gay 2010: 120)

Das Pikante daran: Hardin selbst ist eigentlich nur der Handlanger auf
der Farm von Hovington, der aufgrund einer Rücken-Fehlstellung nicht
mehr arbeiten kann und schließlich abnorm gekrümmt dahin siecht, während
Hardin sich mehr und mehr in seinem Zuhause breit macht und kurzerhand
zum neuen Familienoberhaupt avanciert. Spätestens nach Hovingtons Tod
kann Hardin schalten und walten, wie es ihm beliebt. Und dabei lästert
er immer über Menschen wie Hovington, die kein Rückgrat besitzen und
sich von anderen vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen haben
- welch traurige Ironie, dass Hovington ob seiner massiven
Rückenverkrümmung schließlich tatenlos ans Bett gefesselt war...
Und nun haben wir Winers Sohn, der weiß, wie kriminell Hardin ist. Er
schwört sich, einfach nur jeden Freitag seinen Lohn zu kassieren und
sich sonst nicht weiter in Hardins Geschäfte einzumischen. Er weiß ja
nicht, dass Hardin seinen Vater getötet hatte - er ist jedoch als
einziger im Ort davon überzeugt, dass sein Vater eben nicht wortlos
abgehauen ist, sondern vermutet kriminelle Machenschaften hinter seinem
Verschwinden, während seine Mutter gegen ihren Mann hetzt, der
wutentbrannt das Haus verließ und niemals wiederkehrte.

Nach einem beinahe biblischen Regenguss wird der Schädel von Winers
Leiche schließlich an die Oberfläche gespült. William Tell Oliver findet
ihn - er weiß sogleich, was er von diesem Fund zu halten hat. Und er
weiß, dass ihm dieses Wissen einmal noch von Nutzen sein wird... Bis
dahin versucht er aber einfach nur, den jungen Winer nach Kräften zu
unterstützen, denn er ist der erste Mensch seit Jahrzehnten, der ihm im
Leben wichtig ist, nachdem seine Frau verstarb und er allein und ruhelos
zurückblieb.

Letztendlich ist es Olivers Suche nach Ruhe, die diesem Roman seinen
Namen gab - so würde ich zumindest vermuten. Man muss schon eine große
Portion an Neugier mit sich bringen, über den ersten Teil des Buches am
Ball zu bleiben, der so unscharf seine Kulisse beschreibt. Doch die
Geschehnisse von 1933 im Hinterkopf weiß man, dass dieser Roman nicht
konfliktfrei enden kann. Erst recht nicht, als sich Winer in Hovingtons
Tochter verliebt, für die Hardin jedoch ganz andere Pläne schmiedet...

Und während Hardin den Ort in seinem Bann hält, ist es eigentlich
Oliver, der die geheime Hauptrolle in diesem Roman spielt. Davon lenkt
die Handlung jedoch wieder und wieder ab: Selbst im letzten Drittel
werden noch neue Personen eingeführt, und für mich war es nicht immer
einfach, diese gleich an ihren Platz im Gefüge einzuordnen -
insbesondere, weil so viele der Namen mit "H" begannen, was ich für eine
unglückliche Wahl halte... Erst ganz zum Ende hin spitzt sich die
Handlung dann zu ihrem dramatischen Ende hin zu und die Spirale
fokussiert Oliver. Eine Wendung, mit der ich nicht gerechnet hätte und
die im Originaltitel "The Long Home" viel treffender zum Ausdruck kommt.

Alles in allem ein Roman, wie ich ihn noch nie in seiner Art in den
Händen hielt. Eine düstere Geschichte, die einen verstörenden Blick auf
eine ländliche Gegend voller Hoffnungslosigkeit, Tristesse und
Selbstjustiz wirft. Eine Spirale, die in unglaublich weiten Bögen ihre
Radien spannt, bis sie im letzten Drittel ihren Mittelpunkt forciert.
Ein Roman, der seinem Leser nicht nur Konzentration, sondern auch Geduld
abverlangt. Ein Krimi, der völlig untypisch ist und trotz aller
drastischen Schilderungen von physischer Gewalt den Fokus auf eine ganz
andere Form der Grausamkeit legt.

Ich bleibe tief berührt zurück, allerdings auf eine bitter-süße Art und
Weise...

Fazit: 5 Sterne!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen