Dienstag, 18. Dezember 2012

Weihnachten 2004

Heute dürft Ihr mal eine kleine Geschichte lesen. Nein, sie ist nicht von mir, sondern von meiner Mutter. 2004 lebte sie noch in Eckernförde, und das, was sie mir damals erzählt und später als Weihnachtskarte verschickt hat, ist wohl auch wirklich so geschehen.

"Notruf"

Eigentlich möchte ich schlafen, aber es geht mal wieder nicht, denn in der Altstadt wird randaliert. Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster. Lieber Gott! Alle Tannenbäume, die die St. Nikolaistraße seit gestern schmücken, liegen kreuz und quer auf der Straße - wie bei IKEA. Vier junge Männer hatten nichts besseres zu tun. Ein Pärchen, das vor ihnen hergeht, sieht und hört anscheinend nichts!

Ich bekomme auf der Stelle sooo einen dicken Hals. Jetzt reicht es! Die Ladenbesitzer haben am letzten Sonntag die Bäume liebevoll ausgesucht, geschlagen und aufgestellt. Der Baum vor dem alteingesessenen Café hat modische, lindgrüne Schleifen dran, der tolle Papierladen hat Äpfel aufgehängt, der neue Weiße Laden hat sich für weiße Lackschleifen entschieden und die Künstlerin hat ihre Wäscheklammern geopfert, und so geht es weiter - rote Schleifen, goldene Schleifen, Tannenzapfen, aber nur Natur. Und nun ist in der zweiten Nacht schon alles vorbei?


Ich quake meinen Mann an: "Wie ist die Nummer der Polizei? 110?" OK, los geht's, bevor mir der Hals platzt. "Hier ist der Notruf, bitte bleiben Sie am Apparat, alle Leitungen sind belegt." Oh je, ist das ein Notruf, wenn alle Tannenbäume auf der Straße liegen? Bin ich verrückt? Weibliche Hysterie? "Polizeinotruf!" "Ja, guten Abend, Müller, in der St. Nikolaistraße sind vier junge Männer - einer mit einer hellgrauen Bomberjacke - Bomberjacke? Steppjacke wäre besser gewesen. Die haben alle Tannenbäume abgerissen und umgeschmissen. Und jetzt gehen sie zum Rathaus. Bitte tun Sie etwas!"

Ich muss überzeugend gewesen sein. Kaum eine Minute später erscheinen zwei Polizeiwagen, einer im Zick-Zack-Kurs um die Tannenbäume in der St. Nikolaistraße herum, einer von der Kieler Straße auf den Rathausmarkt. Da haben sie sich getroffen, und die Jagd geht los. Aber die jungen Männer waren natürlich über alle Berge.

Ich lege mich wieder ins Bett, kann mich aber nicht beruhigen. Soll ich mich anziehen und alle Bäume wieder aufstellen? Ich glaube, mein Mann will nicht so recht. Morgen ist der 1. Advent und alle Menschen gehen spazieren. Wie sieht es dann hier wieder aus? Was werden sie von unserer Jugend denken? Ich weiß es schon: "Immer nur alles kaputt machen!"

Ich glaube, ich ziehe mich jetzt an, gehe raus, nehme das Marmor-Nudelholz mit und bringe alles wieder in Ordnung. Dann höre ich Stimmen, und dann sehe ich es - die vier jungen Männer, auch der mit der grauen Steppjacke, gehen durch die St. Nikolaistraße und zwei Polizisten hinterher. Jippie!! Sie haben sie gefunden.


Und wie geht es nun weiter? Ich lege mich erstmal wieder hin - aber die Tannenbäume liegen ja noch alle! Dann wieder Gemurmel draußen auf der Straße, und ich wieder aus dem Bett. Ich traue meinen Augen nicht - die vier jungen Männer sind wieder da und es wird ihnen warm - die Jacken sind offen - sie schleppen alle Bäume wieder dahin, wo sie standen, und machen sie auch wieder fest, so gut es geht. Einer hat den Baum an der Spitze gefasst und zieht ihn hinter sich her, wieder dahin, wo er gestanden haben mag. Ein anderer meint, er gehöre aber dort hin. Es dauert ein bisschen, bis der Baum dann seinen Platz gefunden hat.

Ja!!! Ich bekomme ein breites Grinsen, mein Hals hat auf der Stelle wieder einen normalen Umfang und mein Herz macht einen Freudensprung.


Super!!! Dann setzen sich die vier jungen Männer auf eine Treppe und warten? Aha, es kommt ein Polizeiwagen, hält vor ihnen an und jetzt dürfen sie wohl gehen. Das tun sie dann auch. Ich kann mich endlich hinlegen und schlafe mit einem zufriedenen Lächeln ein. Als ich am nächsten Morgen aufwache, habe ich das Gefühl, noch gar nicht geschlafen zu haben. Bin ich kaputt! Ich schaue als erstes aus dem Fenster - ja, die Tannenbäume stehen - alles in Ordnung. Ich schmeiße meinen Mann aus dem Bett und hole Brötchen. Auf dem Weg durch die St. Nikolaistraße sehe ich es jetzt genauer: Das Papiergeschäft hat keinen Baum mit Äpfeln mehr, sondern den mit den Wäscheklammern der Künstlerin. Das neue Weiße Geschäft hat keine weißen Lackschleifen mehr am Baum, sondern einen mit lindgrünen Schleifen erwischt. Na, die werden sich morgen früh wundern, und gleich wissen, wie es hier abgeht. Die Besitzer vom Café werden überrascht sein, denn sie haben jetzt vier Bäume in lindgrün und einen mit weißen Lackschleifen. Ich muss schmunzeln!

Beim Frühstück sagt mein Mann zu mir: "Na, wieder alles in Ordnung in deinem Revier?" Ja, alles bestens!
Oder habe ich das alles nur geträumt? 


So Ihr lieben, das ist die Geschichte, die meine Mutter erzählt hat. Da sie dieses Jahr nicht mehr bei uns ist, ist dies eine der schönsten Weihnachtserinnerung von ihr. . . aber natürlich vermissen wir sie trotzdem alle sehr.

Liebe Grüße, Eure Petra

Kommentare:

  1. Danke, dass du uns diese emotionale und schöne Weihnachtsgeschichte erzählt hast, liebe Petra.
    Ich hab grad einen Kloß im Hals und danke Gott, dass meine Mutter noch bei uns ist...

    Vielen Dank auch für deine liebe Weihnachtskarte. :-)

    Ich drück dich & schick dir viele Grüße
    Sabine

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    1. Vielen Dank, Sabine, das mach ich sehr gern. Und schön, dass die Karte schon da ist, das freut mich ungemein. Fühl dich geknuddelt . . . und deine Mutter auch ;o)
      LG Petra

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  2. Liebe Petra, das ist aber eine schöne Geschichte,...So richtig weihnachtlich....L.G. Annette

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    1. Hy Annette,
      ja richtig nett, nicht wahr?
      Ich wünsch dir noch eine schöne Woche.
      LG Petra

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  3. Echt ne schöne Geschichte.
    Ich wünsche dir, dass du trotzdem schöne Weihnachten verbringen kannst...

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    1. Icch danke dir, werden wir sicher haben und du bestimmt auch.
      LG Petra

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  4. Liebe Petra,
    das ist eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte! Vielen Dank, dass du sie mit uns geteilt hast. :-)
    LG
    Roxann

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    1. Hallo Roxann,
      auch dir vielen Dank, das mach ich sehr gerne. Und dir nicht so viel Streß!
      LG Petra

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